Interview mit Sønke Gau
Inmitten des Prozesses
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Erschienen in: Wie wichtig ist der Kick fü dich? Loge 2009: Die Ausstellungsreihe in der Stadtgalerie Bern | Boa Books
Sønke Gau:
Ein Schwerpunkt dieses Interviews soll ja auf dem Bezug Eurer Arbeitsweise und Eurer Arbeiten zum Prozessualen liegen. Bei einigen Beispielen ist dieser Bezug eindeutig: Ich habe Euch ja im Rahmen der Realisierung Eures letzten Projektes “song for the banished” kennen gelernt. Wenn man den Rechercheprozess nicht dazu rechnet bestand es aus drei Teilen – den Aufnahmen den Filmaufnahmen im Schwimmbad, der Performance am Seeufer der Roten Fabrik und der Performance im Rahmen der der Atelier- und Werkstipendien der Stadt Zürich um und im Helmhaus, wo die Teile zusammengeführt und in einen Ausstellungszusammenhang überführt wurden. Requisiten, die während der Aufführungen benutzt wurden, fanden sich da zusammen mit dem Video aus der Schwimmhalle und Fotos von der zweiten Performance – trotzdem lässt sich nicht von einer Dokumentation sprechen, sondern eher von Versatzstück, die sich aufeinander beziehen. Wie würdet Ihr das Verhältnis der einzelnen Bestandteile dieser Arbeit für Euch beschreiben? Die Performances waren ja teilweise öffentlich – sind sie auch für sich als Einzelaktionen zu verstehen oder zeigen sich die Verknüpfungen untereinander erst in der abschliessenden Präsentation und liesse sich diesbezüglich davon sprechen, dass sie quasi das Endergebnis ist?
eggerschlatter:
Für uns ist entscheidend, dass sich das Prozessuale über alle unsere Arbeiten erstreckt. Wir sehen die einzelnen Projekte und schliesslich die Präsentationen in Ausstellungen als Teile – in gewissem Sinn als Materialisierungen – eines grösseren Prozesses, nämlich unserer künstlerischen Tätigkeit. In dem Sinne ist in einer Ausstellung zwar eine in sich abgeschlossene, da für die Ausstellungssituation ausformulierte, Arbeit zu sehen; wir sehen die ausgestellte Arbeit jedoch stark im Gefüge der anderen Arbeiten und diese wiederum im Gewimmel unserer Interessen, Fragen, Auseinandersetzungen, Ängste, Geschmäcker etc. In „Song for the Banished" ist es für uns wichtig gewesen, dass die Arbeit mehrere Orte hat. Die Shedhalle bzw. das Seeufer beim Ziegel au Lac ist einer davon, das Schwimmbad, das Helmhaus und die Gewässer von Zürich die anderen. Die Ausstellungssituation im Helmhaus zeigte diese Orte einerseits nebeneinander und schaffte andererseits ortsübergreifende Verbindungen. Die ausgestellten Fahnen – als Objekte, die in allen Performances vorkamen – funktionieren für uns als Relikte der Performances, welche die Geschichte der Arbeit mit ihren Orten in sich tragen und in diesem Sinn verkörpern. Die inhärenten Beziehungen der einzelnen Elemente zur Arbeit „Song for the Banished" funktionieren für uns in derselben Weise wie die verschiedenen Projekte innerhalb unserer gesamten künstlerischen Tätigkeit. Die einzelnen Performances stehen durchaus auch für sich. Wir verstehen aber die einzelnen Elemente, wie die Fahnen, die Synchronschwimmerinnen, Ramona Welti (die Sängerin), die Kartonkulisse etc. als einzelne Punkte innerhalb des Gefüges dieser Arbeit und zugleich unserer gesamten künstlerischen Tätigkeit. Die Performances bei der Shedhalle, im Helmhaus und im Hallenbad sind Konzentrationen dieser Punkte, die sich schliesslich beim Betrachter der Ausstellungssituation, sowie auch für uns, im Ausstellungsraum zu einer Konstellation mit dem Titel „Song for the Banished" verbinden. Die Präsentation im Ausstellungsraum dient uns in dem Sinne als Ankunftsbahnhof der Arbeit und ist durch ihre Konventionen auch ein idealer Ort dafür.
Sønke Gau:
Neben den "ortsübergreifenden Verbindungen" innerhalb dieser konkreten Arbeit, gibt es ja auch einen deutlichen Bezug der Arbeiten untereinander: Verschiedene Requisiten tauchen wieder in unterschiedlichen Zusammenhängen auf – wie zum Beispiel wolkenförmige Schilder, Tierkostüme etc. – und etwas abstrakter, erkennt man auch einen verbindenden Zusammenhang durch die starke Betonung des theatralen Inszenierungscharakter vieler Eurer Arbeiten. Mich interessiert diesbezüglich Eure Einschätzung zu dem Verhältnis von Aufführung, die im weitesten Sinn eine Art von imaginärer Bühne impliziert und dadurch auch eine Trennung von AkteurInnen und ZuschauerInnen zur Folge hat, und der Aufforderung zur aktiven Partizipation, die bei Euren Projekten ja meistens nicht direkt vorgesehen ist, obwohl viele von ihnen im so genannten "öffentlichen Raum" stattfinden. Ihr bezieht Euch auf aktuelle gesellschaftsrelevante und oft auch ortsspezifische Fragestellungen und es erscheint es mir so, als würdet Ihr den unmittelbaren Bezug zum Alltag vordergründig ausblenden, um stattdessen explizit "aussergewöhnliche" Erlebnisse zu generieren, die auch stark über Bilder funktionieren. Diese Ausrichtung ist auch eine Entscheidung für einen Rezeptionsprozess, der zumindest auf den ersten Blick eine klare Trennung von dem "Dargebotenen" und der individuellen Lebenswirklichkeit zu favorisieren scheint. Mich würden die Hintergründe für diese Entscheidung interessieren...
eggerschlatter:
Eines unserer Hauptinteressen ist die Fragen nach Territorien und damit verbunden von Lebensräumen und dem Einnehmen von Raum. Durch das kreieren von Inszenierungen, die stark auf einer entrückten Bildsprache basieren und dadurch auch ihre räumliche und zeitliche Begrenztheit spürbar machen, erschaffen wir für kurze Zeit Territorien, sprich Lebensräume, die auf dem Ereignis der Inszenierung selber basieren. Wir interessieren uns in dem Sinne mehr für die Möglichkeit des autonomen Territoriums. Wir sehen das Bühnenhafte in unseren Arbeiten als eine Art Konstruktion von Inseln, auf denen wir mit den Beteiligten Ereignisse kreieren, welche Gemeinschaften bilden und zugleich legitimieren. Deshalb lassen wir den Beteiligten auch genügend Raum, um sich selber einbringen zu können. Wir hatten zum Beispiel bei der Choreografie der Synchronschwimmerinnen nichts mitbestimmt und haben bei der musikalischen Umsetzung in „Inmitten des Prinzips" Marcel von Arx und Dina Wild freie Hand gelassen etc. Wir verstehen unsere Projekte demzufolge als soziale Projekte oder gar Plastiken, wenn man so will. Das Aussergewöhnliche, stark über Bilder Funktionierende bildet hierbei eine gemeinsame Vision. Das gemeinsame Zünden eines Feuerwerks in dem Gewächshaus oder das Aufbauen des Flosses in dem Hallenbad sind Handlungen, deren Absurdität in Bezug zum alltäglichen Effizienzdenken so in den Hintergrund eines gemeinsamen Erlebens rückt, das vielleicht mehr Möglichkeiten bietet, als wir uns normalerweise zu denken trauen.
Auf der Ebene der Rezeption erhoffen wir uns eine Art Ansteckung bei den BetrachterInnen. Das Politische unserer Arbeiten sehen wir im Manifestieren und Insistieren auf einer Welt in der Anderes anders möglich ist und was immer das genau heissen kann. Es ist uns ein Anliegen, dass unsere Arbeiten in ihrer ausgestellten Form verletzlich bleiben: Das heisst, dass sie in einer Weise offen bleiben, die sich dem Sprachlichen und Konventionellen entzieht.
Sønke Gau:
Eure neue Arbeit, die Ihr ja bereits angesprochen habt und die zur Zeit in der Loge zu sehen ist, trägt den Titel „Inmitten des Prinzips". Im Zentrum der Installation stehen eine Videoaufnahme, in der – eingebettet in eine märchenhafte Rahmenhandlung mit Fabelwesen und Tieren – ein Feuerwerk in einem Gewächshaus entzündet wird und neben den Resten des Gewächshauses ein so genannter Schleimpilz, den Ihr in den Ausstellungsräumlichkeiten ausgesetzt habt und der unter günstigen Bedingungen sehr schnell wachsen kann. Offensichtlich geht es unter anderem um Prozesse der Vereinnahmung von Raum, um Grenzziehungen und das Überschreiten von Grenzen. Musikalisch begleitet wird das Video von einem Ritornell, also demjenigen Teil eines Rondos, der im Verlauf dieses Musikstückes mehrfach wiederkehrt. Eine verkürzte, aber denkbare Interpretation wäre es einerseits Aspekte der Inszenierung 1:1 auf gesellschaftliche Verhältnisse übertragen, so dass sie als Biologismus missverstanden werden könnte und andererseits liesse sich die musikalische Struktur vor dem Hintergrund des Titels der Arbeit als eine permanente Wiederkehr des Gleichen deuten – sozusagen als ein Ende von Geschichte... Beide Deutungen wären nicht unproblematisch. Wie schätzt Ihr die Wahrscheinlichkeit ein, dass es zu solchen vereinfachenden Übertragungen kommen kann? Oder andersherum gefragt: Der Titel legt ja nahe sich in der Rezeption Gedanken um ein mögliches „Prinzip" zu machen – hattet Ihr ein bestimmtes vor Augen?
eggerschlatter:
Wir denken, dass die Wahrscheinlichkeit für vereinfachende Interpretationen eher gering ist. Der Abstraktionsgrad der Arbeit scheint uns hierfür zu hoch zu sein. Zugleich lebt die Arbeit stark von einem emotionalen Zugang. Wenn man sich nicht emotional darauf einlassen will, wird die Arbeit nicht funktionieren, sprich in ihren dargestellten Bedeutungssträngen zu fest verschwimmen, als dass man eine sprachlich fassbare Deutung herauskristallisieren kann.Wo wir auch schon bei unserer Entscheidung für den Titel „Inmitten des Prinzips" sind: Das Prinzip, dass wir meinen, können wir nicht benennen. Es geht uns dabei um Konstellationen und Dynamiken. Um Wolken, Meuten, Entropien, um die Beziehung von Molekülen zu Materialien, vom Einzelnen, Individuellen zum dynamischen Ganzen, um das Nebeneinander, Übereinander, Miteinander im Räumlichen und Zeitlichen, um Ausbreitung und deren Ausgangspunkte, um Herde, Ursprünge.
Ein Begriff, der uns über das ganze Projekt begleitet hat, ist der des Ur. Wir interessieren uns dafür, dass wir einen Begriff des Urs haben, uns damit auseinandersetzen können, aber ihn nicht benennen können als über emotionale Annäherungen, die wir mit dynamischen Konstellationen von Bildern und Tönen erzeugen.
Das Ritornell ist für uns ein Element, das dies exemplarisch für sich zu benötigen scheint. Auf das Ritornell sind wir nicht über eine musikgeschichtliche Recherche gestossen, sondern über unsere Auseinandersetzungen mit den Texten von Gilles Deleuze und Felix Guattari. Sie beschreiben die Konsequenz eines Ritornells als Ort, als Heimat. Wie ein Kind, das – um sich zu beruhigen – immer und immer wieder die gleiche Melodie summt und sich so einen Ort, einen Raum des Gewohnten, Beruhigenden schafft. Eine Heimat. Oder wie ein Vogel, der sein Territorium durch eine bestimmte, sich wiederholende Tonabfolge, absteckt, über die Schallwellen Raum für sich einnimmt. Marcel von Arx und Dina Wild haben sich deshalb auch für die Melodie eines alten catalanischen Wiegeliedes entschieden, das zwischen den Improvisationen die Funktion des Ritornells einnimmt.
Uns interessiert das Insistierende der Wiederholung, das Erfinden eines Raums.
Wir wollen ein Universum umschreiben: Ein Schleimpilz ist ein Feuerwerk ist eine Meute ist eine Wolke ist ein Ritornell.
Sønke Gau:
Liessen sich dieses Ineinanderüberfliessen von Bildern, Musik und auch Bedeutungen in Euren Arbeiten als Versuch verstehen, den Prozess der hegemonialen Bedeutungsartikulation zu unterbrechen, um Freiraum für andere mögliche Konstruktionen von „Wirklichkeit" zu schaffen? Und wäre diese Verflüssigung von Bedeutungszuschreibungen dann nicht ein wesentlicher Aspekt des Prozessualen in Eurem Werk?
eggerschlatter:
Das ist eine schöne Zusammenfassung. Und als Fragen, wollen wir sie mit einem Ja beantworten.
